Schweden: Die Wissenschaft, die Politik und die Wolfsjagd

„Politische Spannungen wegen sich erholender Populationen großer Raubtiere sind in Europa an der Tagesordnung. Aber die Angelegenheit des Wolfes in Schweden ist einzigartig, weil wissenschaftliche Erkenntnisse und wie sie interpretiert werden immens wichtig geworden sind, um die Jagd zu rechtfertigen.“ schreibt Guillaume Chapron in der Fachzeitschrift nature am 17.12.2014.
Wer sich mit dem schwedischen Wolfsmanagement auseinandersetzt, dem eröffnen sich beim Studium dieses Verwaltungsplans Fragen, die ohne Hintergrundwissen schwer zu beantworten sind:

  1. Warum sind gerade 300 Wölfe die Anzahl der Individuen, die den „günstigen Erhaltungszustand“ der Population bilden sollen?

    Diese Zahl gibt nämlich der aktuelle schwedische Verwaltungsplan für die Wildart Wolf an.

  2. Warum werden der „günstige Erhaltungszustand“ der Population und die Größe der „kleinsten überlebensfähigen Population“ gleichgesetzt?

  3. Kann eine stark von Inzucht betroffene Population von 300 Tieren, wie die schwedische, gerade noch überlebensfähig sein und sich gleichzeitig in einem günstigen Erhaltungszustand befinden?

    Nur auf die Gene von 5 Wolfsindividuen gründet sich die in den 80-er Jahren entstandene Population in Schweden und Norwegen. Der Inzuchtkoeffizient befindet sich bei einem Wert von ~ 23, d.h. die Wölfe dort sind im Mittel verwandt wie die Nachkommen von Geschwistern.

Bedeutsam ist die Beantwortung insbesondere, weil die Zahl von 300 Wolfsindividuen im schwedischen Wolfsmanagement unter anderem eine Rolle bei der Durchführung von Wolfslizenzjagden und der Bewertung der Zulässigkeit von Schutzjagden spielt.

Einblicke und Antworten gibt uns Guillaume Chapron in seiner Kolumne in der nature:

"Das Problem des Missbrauchs der Wissenschaft durch Zielsetzungen der Politik

Der Missbrauch der Wolfsforschung durch schwedische Politiker sollte eine Warnung für alle auf dem Gebiet der Biodiversität tätigen Wissenschaftler sein, sagt Guillaume Chapron.

Während der nördliche Winter alles im Griff hat, bereitet sich Schweden auf die größte jemals durchgeführte Wolfsjagd vor. Das Land versucht seit Jahren eine beachtliche Anzahl der Tiere zu jagen, obwohl ein Europäisches Gesetz sie als streng geschützt listet – und es sieht so aus, als wenn sie nun Erfolg damit hätten.
Die Situation ist für mich besonders alarmierend, da die Regierung meine Forschung fälschlicherweise dafür benutzt zu argumentieren, dass die Wolfspopulation sich verbessert hat. Politische Spannungen wegen sich erholender Populationen großer Raubtiere sind in Europa an der Tagesordnung. Aber die Angelegenheit des Wolfes in Schweden ist einzigartig, weil wissenschaftliche Erkenntnisse und wie sie interpretiert werden immens wichtig geworden sind, um die Jagd zu rechtfertigen. Die konservative schwedische Regierung spielt mit wissenschaftlichen Erkenntnissen aus politischen Gründen. Sie behauptet, dass ihre Entscheidungen durch meine wissenschaftlichen Untersuchungen, um die ich gebeten wurde, gestützt werden – was sie nicht tun. Und sie hat Erkenntnisse anderer herausgegriffen, die ihnen nutzen. Die Situation passt nicht zu der weitverbreiteten Ansicht des angeblichen Respekts, den nördliche Länder für eine wissensbasierte ökologische Nachhaltigkeit, haben.
Es gibt ca. 400 Wölfe in Mittelschweden und die Population ist durch Inzucht schwer gezeichnet: alle Wölfe stammen von einer Handvoll Tiere ab, die in den 80-iger Jahren aus Finnland eingewandert sind. Die europäische Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie, die den Wolf schützt, erlaubt begrenzte Tötungen, um ernsthaften Schaden an Nutztieren zu verhindern. Aber es gibt permanenten politischen Druck, die Wolfszahlen weiter zu reduzieren. Es beschweren sich Jäger, dass zum Beispiel Wölfe jedes Jahr einige Jagdhunde reißen, die frei umherlaufen während ihre Besitzer Elche jagen.
Seit 2010 erklärt die schwedische Regierung, dass die jährlichen Wolfsjagden, deren Ziel es war die Zahlen auf 210 Tiere zu verringern, Jäger überzeugen würden, die Pläne einer genetischen Durchmischung der Population mit nichtverwandten Tieren aus Finnland oder Russland zu unterstützen. Obwohl die Jagden fortgesetzt wurden, verhinderten Befürchtungen vor Krankheiten die Umsiedlung von Tieren aus der benachbarten Population.
In den folgenden Jahren waren die jährlichen Jagden mit einigen juristischen Widersprüchen konfrontiert und 2013 hatte die Regierung eine neue wissenschaftliche Rechtfertigung. Diese besagte, dass die Jagd die einzige wirkungsvolle Methode war, das genetische Problem des Wolfsbestandes sofort zu lösen. Das Abschießen der meisten Inzuchtwölfe würde laut der Regierung mit einem Schlag die Inzuchtrate der Population verringern.
Ich sagte den schwedischen Behörden, dass dies eine außerordentlich kurzsichtige Idee wäre, da nur das Einbringen neuer Gene langfristigen Erfolg beim Kampf gegen Inzucht haben würde.
Ein weiterer und gewagter Vorschlag, in Wolfsgehegen geborene Welpen in wilde Würfe einzubringen, war auch nicht erfolgreich.
Die diesjährige Jagd begann trotzdem, wurde aber von schwedischen Gerichten gestoppt. Trotz verärgerter Briefe der Europäischen Kommission an Schweden mit dem Aufruf darauf zu achten, dass der Wolfsbestand einen günstigen Erhaltungszustand (FCS) erreicht – ein verpflichtender Standardwert einer erholten, gedeihenden Population - gab die schwedische Regierung nicht auf. Ende letzten Jahres ließ sie die genetischen Bedenken fallen, - der einzige Grund, der ein Jahr zuvor genannt wurde, um die Jagd zu unterstützen - und erklärte einfach, dass die Population den günstigen Erhaltungszustand erreicht hätte.
Und hier wurde meine Forschung missbraucht. 2012 gab mir die Regierung 30 Tage, um eine Analyse der Lebensfähigkeit der Wolfspopulation zu erstellen. Das ist eine demographische Methode, wie stark die Tiere vom Aussterben bedroht sind und insbesondere ein separates Maß des günstigen Erhaltungszustandes, das sich auf ein mögliches Erholen bezieht. Um eine Missinterpretation meiner Arbeit zu vermeiden, die genetische Aspekte ausschloss, schrieb ich an verschiedenen Stellen in meinem Bericht, dass er nicht dazu benutzt werden kann, um den günstigen Erhaltungszustand einzuschätzen. Verschiedene Gutachter des Berichtes unterstrichen diesen Aspekt ebenfalls.
Und trotzdem missbrauchte die schwedische Regierung meinen Bericht, um zu behaupten, die Wolfszahlen hätten den günstigen Erhaltungszustand erreicht. Das diente nur als Deckmantel, um die weitere Jagd zu erlauben.
Während die Vorbereitungen zur diesjährigen Jagd laufen, ist es schwieriger rechtlichen Schutz für die Wölfe zu finden. Da man erkannt hat, dass wissenschaftliche Beweise ein ständiges Hindernis darstellen, hat die Regierung das Gesetz geändert, welches Beschlüsse für Raubtierjagden wirkungsvoll von juristischer Anfechtung ausnimmt. Darüber hinaus widersprach die Regierung der Erwähnung der Notwendigkeit von Forschung zum günstigen Erhaltungszustand in einem in Kürze erscheinenden europäischen Aktionsplan für große Raubtiere mit dem Argument, dass das schwedische Parlament über diesen Status bereits abgestimmt hat, so dass sie keinen Bedarf solcher Forschung sieht. Als mein Projekt „Krallen & Gesetze“, eine Studie über den günstigen Erhaltungszustand, vom staatlichen Naturschutzamt finanziert wurde, ließen einige Politiker ihr Missfallen über diese Untersuchung erkennen.
Ich bin besorgt, dass Schwedens Missbrauch meiner Forschung und das Hinwegsetzen über europäische Regularien einen gefährlichen Präzedenzfall beim Schutz der Artenvielfalt schaffen wird. Die Verfälschung von Wissenschaft geschieht in diesem Fall sehr subtil und bürokratisch, und die Wölfe werden nicht ausgerottet, aber es ist wichtig darauf hinzuweisen, da es der erste Fall von vielen sein könnte. Die Bewahrung der Biodiversität kann zu Konflikten führen, da sie der Entwicklung, den Traditionen und anderen menschlichen Aktivitäten Grenzen setzt. In der Zukunft wird die Ökologie als Wissenschaft wahrscheinlich eine größere Rolle in diesen Auseinandersetzungen spielen.
Mit zunehmenden Forderungen nach einer wissenschaftsbasierten Politik, wird politischer Missbrauch wahrscheinlich häufiger werden. Auch wenn dadurch Karrieren zerstört und Namen vergiftet werden, müssen sich Akademiker darauf vorbereiten, den unethischen Gebrauch von wissenschaftlichen Erkenntnissen aufzuzeigen und solchen Missbrauch durch Politiker offenlegen."

Erschienen in: nature - International weekly journal of science, Volume 516, 2014-12-17

Dr. Guillaume Chapron ist assoziierter Professor am Institut für Ökologie an der Forschungsstation Grimsö der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften (SLU)

aus dem Englischen: Rieke Riemann
fachliche Begleitung: Peter Peuker


Auch wenn der Artikel vom Dezember 2014 stammt, eröffnet er Verständnis für das Zustandekommen der Jagdbeschlüsse in der fragilen Wolfspopulation Schwedens.
Einen Überblick zu Grundlagen sowie der aktuellen Situation des Wolfsmanagements bei unserem nördlichen Nachbarn sind in dem folgenden Link zusammengefasst:

aktuelle Daten und Fakten zum schwedischen Wolfsmanagement

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